Das Sterben hat keine Logik

Dem Berner Res Balzli ist mit seinem Erstling «Bouton» ein aussergewöhnliches Dokumentarfilmporträt über die letzten Wochen der jungen Schauspielerin Johana Bory gelungen. Ein tief berührender Film über den Kampf gegen Krebs und die Kraft der Poesie.

Wahrscheinlich, nein, mit Gewissheit existiert kein Vokabular, keine Theorie, die sich dieser filmischen Perle anzunähern vermag, ohne sie zu verraten. Spricht der Betrachter über jene unfassbaren Dinge wie den Tod und jenen verworrenen Weg, der zwangsläufig dahin führen muss – nämlich das Leben –, entzaubert sich die Mystik unseres Seins von ganz allein. Einmal ausgesprochen, wird das Unbegreifbare greifbar, verliert die von Menschen ersponnene Utopie das Magische. Sprechen wir über die Liebe, so zerfällt sie.

Umso faszinierender und hoch anzurechnen ist es dem Berner Produzenten und Regisseur Res Balzli, dass er einen Weg gefunden hat, die Geschichte der jungen Schauspielerin und Bauchrednerin Johana Bory und ihres letzten Kampfs zu erzählen, ohne sie zu verraten. Ohne das letzte Geheimnis des Lebens – den Tod – zu entzaubern.

Gründe dafür finden sich viele. Freilich die, dass der Betrachter Johana nicht beim Sterben zuschaut, sondern bei der Vorbereitung auf «eine Reise zu einem anderen Planeten» teilnimmt, wie sie sagt. Oder dass der Film von diesem allzu fragilen Glück handelt, noch am Leben zu sein, dabei humoristisch bleibt und kluge Fragen aufwirft. Dass es jene fransige Puppe namens Bouton (dt. Knopf) gibt, die mal fürsorglich, mal vorwitzig ihrer Schöpferin den Marsch bläst. Sie müsse nun gegen den Krebs kämpfen, sagt Johana einmal. «Du sollst nicht kämpfen», entgegnet Bouton bestimmt, «du sollst dich jetzt erholen.»

Das Leben steht kopf

Die Bauchrednerin tritt in ein Zwiegespräch mit sich selbst, reflektiert in bewegenden inneren Monologen über ihren aussichtslosen Kampf gegen den Brustkrebs. Durch das Gespräch mit der Puppe wird das Gedachte zum Dialog, der das Gefühlschaos, in dem sich die junge Schauspielerin befindet, für den Betrachter überhaupt erst wahrnehmbar macht. Sie thematisiert die Logik des Sterbens und scheitert beim Erklärungsversuch derselben. Ihr Ableben werfe die Ordnung des Lebens über den Haufen, es entspreche nicht dem Lauf der Dinge, dass sie – erst 33 Jahre alt – vor ihren Eltern gehen müsse.

Balzli hat für diesen Bruch in Johanas Logik ein treffliches und gleichsam dissonantes Bild geschaffen: Es ist der 12. Februar 2010 und zugleich der letzte Drehtag. Wir sehen Johana mit Bouton auf dem Schoss sitzend vor einem kräftigen Baum in Nidau bei Biel. Es ist ein fiktiver Stammbaum, auf dessen stärkstem Ast hoch oben in der Baumkrone der gesunde Vater steht. Das Leben der Schauspielerin steht kopf. Dabei verschmelzen dokumentarische Realität und poetische Fiktion auf wundersame Weise.

Phrasiert werden diese durchkomponierten Bilder vom Vokalensemble Nørn; drei feengleichen Sängerinnen, die mit ihren zwar melancholischen, aber nie pathetischen Gesängen als surreales Bindeglied zwischen Poesie und Realität fungieren.

Die letzte Hauptrolle

«Ich habe meine Träume verwirklicht. Ich hatte Lust, einen Film zu machen. Ohne die Krankheit hätte ich das nie gemacht.» «Bouton» ist eben auch Johanas Werk; ein Werk, das ihrem schauspielerischen Können alles abverlangte – ihr letzter Auftritt, den sie sich sehnlichst gewünscht hatte –, in der Hauptrolle sie selbst. «Ich hatte genaue Vorstellungen», erzählt Balzli, «gerade weil sie Schauspielerin war, hatten wir die Chance, mit ihr etwas herstellen, gewissen Szenen sogar wiederholen zu können.»

Am 31. Dezember 2009 begannen die Dreharbeiten zu «Bouton». Schon damals war klar, dass Johana nicht mehr viel Zeit bleiben würde. So drehten Balzli und sein Kameramann Dieter Fahrer «Bouton» in 15 Tagen. Ergänzt wird Balzlis Arbeit mit Privataufnahmen von Johanas Lebensgefährten Lukas Larcher, während ihrer letzten Auftritte vor Publikum. Es sind Auftritte vor einer lachenden Kinderschar und es ist die nachdenklichste Szene des Films, wenn Johana gezeichnet vom Krebs die Geschichte von Bouton und seinem geliebten Rotkäppchen erzählt. Mit Bouton sei alles magisch, sagt sie, nichts scheine real zu sein.

Johana Bory starb am 15. März 2010. Sie meinte noch, jemanden zu beweinen, der gestorben ist, sei egoistisch. Am Schluss sehen wir Lukas, selbst Komödiant, als Clown verkleidet mit seiner Ukulele. Er spielt «Girl» von den Beatles, hält inne, weint – und spielt weiter.

Quelle: Aargauer Zeitung

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3 Gedanken zu “Das Sterben hat keine Logik

  1. Lieber Sven Zaugg,
    ich kenne Sie nicht, aber ich staune, wie genau Sie hingesehen haben, als BOUTON über die Leinwand lief. Sie sahen Sachen, die nicht einmal mir bewusst waren. Danke für diese wunderbare Berichterstattung und die sinnreichen Überlegungen zum Film.
    Mit herzhaftem Gruss vom Autor Res Balzli

  2. der Film stimmt einen nachdenklich, besonders dann, wenn man die Grenze zum Tod bereits erfahren hat, und nochmals davon gekommen ist. Mit 25 Krebs, Notoperation, Strahlentherapie… noch einmal davongekommen. Und ständig das Damokles-Schwert im Geiste über einem, dass es einen doch wieder so unerhofft erwischen könnte. Eben Glück gehabt… Glück, das irrationale Etwas… ja, das Leben hat keine Logik…. in’s Leben hineingeworfen, dem Leben entrissen… gewiss keine Bestimmung… mit diesem Glück oder Unglück zeigt sich auch, wie wenig perfekt die Natur ist, aber doch nahezu perfekt, denn vielen gelingt’s auch ohne viel Glück alt zu werden. Ist es überhaupt ein Glück, 80 oder 90 zu werden ? Ein nachdenklicher Film über die Ambivalenz des Seins… Danke. Danke an Res, Johana, Buton, Lukas etc. …. denn sie zeigen uns spiegelbildlich, wie’s in uns Menschen als emotionale Wesen aussieht, ständig ein Wechselbad der Emotionen, mit Momenten des Glücks.

  3. Ine de Bock

    Bouton. Gestern, 15 december 2011 habe ich atemlos zufällig diesen ungeheuer lieben Film auf Arte gesehen.Ich möchte ihm nochmal sehen, aber ich weiss nicht wo zu finden. Und die wunderschöne Musik, spezial die Musik in diese letzte Scene im Bot . Das vokalensemble Norn (mit streifen durch o) Wo finde ich deiesem Film und die Musik?

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